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My office is my castle

Immer mehr Menschen arbeiten in einem Büro. Viele bedauern das, weil frische Luft und Bewegung gut für die Gesundheit sind. Spätestens wenn man sich als Briefträger aber einmal durch Nachbars Lumpi mit Tollwut angesteckt hat oder als Bergbau-Kumpel vom Arzt gesagt bekommt, man könne ruhig wieder mit dem Rauchen anfangen, hätte man sich doch ein ruhiges Plätzchen vor einem Bildschirm gewünscht.

Ich bin in der glücklichen Lage, einen sehr abwechslungsreichen Beruf zu haben. Ich berate als Rechtsanwalt Mandanten, führe als Repetitor grüne interessierte Kursteilnehmer in die unendlichen Weiten des öffentlichen Rechts ein und bin als Chefredakteur für eine monatlich erscheinende Fachzeitschrift verantwortlich. Dadurch bleibe ich einerseits geistig und nicht selten auch körperlich in Bewegung, brauche aber andererseits für zwei dieser drei Tätigkeiten zwingend ein Büro. Als ich damals bei meinem lieben Arbeitgeber anfing, wurde mir ein solches zugewiesen. Dabei hatte ich das unverschämte Glück, eines der besten Büros der ganzen Kanzlei zu erwischen, das ich um keinen Preis eintauschen möchte.

Neulich fragte mich gleichwohl ein Mandant auf dem Flur, ob ich noch recht neu in der Kanzlei sei. Auf meine Gegenfrage, wie er denn darauf komme, antwortete er: "Nun ja, Sie haben ja das Büro ganz am Ende des Ganges". Aha, wieder was gelernt: Die Nähe zum Eingang ist also offenbar für manche ein Statussymbol! Um Gottes Willen, kann ich da nur sagen. Wenn es eine Steigerung von falsch gäbe, dann wäre diese Einschätzung das Falscheste, was man sich nur denken kann. Durch diesen kleinen Vorfall veranlasst, möchte ich hiermit all denen, die sich jemals ein Büro aussuchen können oder müssen, ein paar gute Tipps geben, worauf zu achten und was zu vernachlässigen ist. Vereinfacht gesagt: Auf die vier großen "L" kommt es an:

1. Lage
Fragte man den alten Rockefeller, was entscheidend für den Wert einer Immobilie sei, so antwortete er stets: "Drei Dinge: Die Lage, die Lage, die Lage." Stimmt, und so ist es auch mit Büros. Nur ist bei diesen - anders als bei Grundstücken - nicht die zentrale, sondern eine möglicht abgelegene Lage von Vorteil. Je weiter am Ende des Flurs ein Büro liegt, umso besser, denn die leichtsinnige Wahl eines am Anfang des Flurs gelegenen Büros kann das Leben kosten! Irgendwann kommt ein enttäuschter Mandant mit Kettensäge und Uzi, und wo fängt der an zu ballern und zu sägen? Natürlich im ersten Büro nach dem Eingang. Bis zu meinem Büro hat er dann noch ca. 15 Meter und fünf weitere Gelegenheiten, sich abzureagieren. Bis dahin bin ich locker aus dem Fenster gesprungen, was in meinem Fall glimpflich abgehen würde, denn mein Büro liegt (Achtung, noch ein Tipp!) im 1. Stock, und direkt unter meinem Fenster befindet sich ein Überdach eines Drogeriemarktes, auf dem ich nach ca. zwei Metern Falltiefe sanft landen würde. Von dort aus könnte ich mich dann problemlos in die Fußgängerzone plumpsen lassen und in der Menge verschwinden, bis der Irre dingfest gemacht ist.

Und selbst wenn es nicht zum Äußersten kommt, ist ein Büro am Ende des Ganges von Vorteil. Denn es kommt doch täglich vor, dass der Chef mit irgend einer Arschkarte auf der Suche nach einem Untergebenen ist, dem er sie zuspielen kann. Auch da hilft es, wenn der Gute erst noch an fünf anderen Büros mit potenziellen Opfern vorbeikommt.

2. Luft
Bei der ersten Bürobesichtigung ist man normalerweise aufgeregt. Der Rundgang durch Kanzlei, Praxis, Unternehmen oder was auch immer steht ja nicht selten am Ende eines Vorstellungsgesprächs. Und dennoch sollte man seine Sinne schärfen, besonders den Geruchssinn, denn nichts ist für einen Nichtraucher schlimmer, als ein Raucherzimmer zugewiesen zu bekommen. Was im Hotel schon für eine Nacht ärgerlich ist, kann im Arbeitsalltag unerträglich werden. Bei uns im Büro gibt es einen Raum, den wir "Kaminzimmer" getauft haben, der aus Emissionsgründen nur noch von einem einzigen Kollegen betreten werden kann.

Hat man nicht die Gelegenheit zur Besichtigung des späteren Arbeitsplatzes, sollte man sich geschickter Fragetechniken bedienen. Ganz verdächtig ist es z.B., wenn man auf Nachfrage erfährt, dass der Vorgänger im Amte an Lungenkrebs verstorben ist. Besser ist es aber in jedem Fall, VOR der Zusage auf einer Besichtigung zu bestehen und vor Ort dreimal ordentlich durchzuatmen. Riecht man Duftkerzen oder sieht man mehr als ein Dutzend dieser neumodischen Duftbäume herumstehen, sollte man sich nicht zu Schade sein, die eigene Nase mal tief in die Vorhänge zu halten. Und - ganz wichtig - nie mit Schnupfen anreisen!

3. Licht
Aus meiner Zeit bei einem großen deutschen Verlagshaus weiß ich, dass DAS Statussymbol bei Büros auch die Fensterfläche sein kann. Und da man nie weiß, ob man vielleicht in einen solchen Laden geraten ist, rate ich im Zweifel zu einem Eckbüro. Jedenfalls ist es aber wichtig, sich genau zu vergegenwärtigen, von wo das Licht kommt und wie der eigene Schreibtisch einmal stehen soll. Nichts ist nämlich ärgerlicher als tagsüber ein Lichteinfall von hinten. Dann brennt einem die ganze Zeit die Sonne auf den Pelz, und am Monitor kann man praktisch nichts mehr lesen, egal wie gut das Ding entspiegelt ist. Da hilft nur noch Rolladen 'runter, aber wer will schon im Sommer den ganzen Tag im Dunkeln sitzen? Dann kann man ja gleich wieder in die Grube einfahren. Also, eine schöne Fensterfront zur Ost- oder Nordseite hin sollte es schon sein.

4. Leute
Großraum oder Abteil? Bei der Bahn spielt es keine Rolle, denn man wird in beiden zwei Stunden Verspätung haben (und sich bei einem Mitreisenden mit der Cholera anstecken). Aber in der Arbeitswelt ist es eine kleine Glaubensfrage, ob man ein Großraum- oder ein Einzelbüro bezieht. Hat man die Wahl, kann ich nur dringend zur Einzelzelle raten, auch wenn man noch so kommunikativ ist, die Kollegen noch so nett sind und man im Vorstellungsgespräch noch so sehr die eigene Teamfähigkeit betont hat. Und der Grund dafür ist keinesfalls die Aussicht auf heimliche Techtelmechtel mit der Sekretärin (die sollte man nämlich - Gratistipp außer der Reihe - tunlichst unterlassen, wenn man im Unternehmen länger als noch ein paar Wochen bleiben will). Nein, es gibt auch im ganz normalen Arbeitsalltag einfach Situationen, in denen kann man keine anderen Leute gebrauchen. Zum Beispiel weiß ich vom Hörensagen, dass ca. 200.000 Menschen Montags Mittags gegen 12 Uhr auf www.kicker.de die Ergebnisse ihrer Managerliga vom Wochenende abrufen. Das gelegentlich (in diesem Jahr gehäuft) beschämende Ergebnis muss der Kollege K nicht sehen (man lese: Nicht die ganze Firma nach fünf Minuten wissen, denn Firmentratsch ist der eindeutige Beweis, dass Informationen sich doch mit Überlichtgeschwindigkeit verbreiten können). Und es ist auch sehr nervig, wenn man in Ruhe arbeiten will, und am Nebentisch wird diskutiert, diktiert oder mit der Oma telefoniert. Freiraum erhält die Freundschaft, nicht nur in der Ehe!

Völlig belanglos erscheinen neben diesen Kriterien Dinge wie Größe oder Ausstattung des Büros. Denn was nutzen einem 100 qm mit Marmorboden und Echtholzregalen, wenn man dafür drei Arschkarten täglich zieht und das eigene Leben mit 35 durch eine MP-Salve eines enttäuschten Mandanten oder mit 55 durch Lungenkrebs infolge Passivrauchens beendet wird?  [zurück]

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