<30.09.11>
A Star is (re)born!

Herbert Knebels Affentheater gastierte mit seinem neuen Programm "Der Letzte macht dat Licht aus" am Freitag in Telgte. Ehrensache, dass wir zugegen waren. Und Glück für uns, dass die Jungs tatsächlich pünktlich um 20 Uhr auf der Bühne erschienen, obwohl sie sich im Stau auf der A1 (verlängertes Wochenende!) noch gefragt hatten, ob die Fahrt inne Provinz überhaupt lohnt - "die Holländer da verstehen uns doch sowieso nich". Kurz hinter Münster haben sie dann aber bemerkt, dass Telgte doch noch in Deutschland liegt! Sorge also unbegründet - das Publikum verstand Herbert Knebel, Ozzy Ostermann, Ernst Pichel und den Trainer ganz hervorragend.

 

Womit wir beim Stichwort sind: "hervorragend". Um es vorwegzunehmen, "Der Letzte macht dat Licht aus" ist mit Abstand das beste vom Affentheater seit mindestens zehn Jahren, deutlich besser als "Nix wie weg!" und kein Vergleich mit "Love is in Sie Er". Und das sage ich, obwohl wir "nur" eine Vorpremiere zu sehen bekamen, wie es auf unseren Karten hieß, nämlich die erst vierte Vorstellung des neuen Programms. Ich hatte eigentlich einige Brüche und vielleicht Textunsicherheiten erwartet, aber davon war nichts zu merken, der Auftritt war locker und trotzdem perfekt.

Überragend fand ich die Musiknummern. Eine gewisse Bandbreite ist man vom "Affentheater" ja gewohnt, doch diesmal spannten sie den Bogen ganz weit, von Deep Purple ("Smoke on the water" = "Feuer in der Wohnung") über Evita Peron ("Don't cry for me Argentina" - "Hör' mir auf mit Argentinien") bis zu Udo Jürgens und Chris Roberts (in einem genialen Medley aus "Siebzehn Jahr' blondes Haar" = "Siebzig Jahr, graues Haar" und "Du kannst nicht immer Siebzehn sein" = ""Du kannst nicht immer Siebzig sein"). Urkomische Texte und super Sound, das Publikum ging voll mit.
 

Wie man überhaupt sagen kann, dass die Stimmung in Telgte sehr gut war. Ich hatte im Vorfeld meine Bedenken, denn erfahrungsgemäß sind die Knebel-Auftritte in der Provinz mit denen im Ruhrgebiet nicht zu vergleichen, und als ich vor dem Einlass die ganzen Mittfünfziger sah, die Herren im Freizeithemd von kik und die Damen in der guten Bluse, dachte ich schon, ich hätte mich im Tag geirrt und sei bei Hansi Hinterseer gelandet. Meine Frau konnte mich gerade noch davon abhalten, die Heizdecken aus dem Kofferraum zu holen, die ich zu Verkaufszwecken bei Gelegenheiten wie dieser immer mitführe. Aber ich hatte mich wohl getäuscht, nur einmal wurde ganz kurz geschunkelt.

Die Sketche waren auch allesamt sehr gelungen. Geboten wurde die übliche Mischung aus Solo-Nummern von Hebbert und gemeinsamen Runden des ganzen Affentheaters, wobei mir aufgefallen ist, dass der Trainer etwas mehr in den Vordergrund trat und Ernst Pichel dafür etwas zurückgenommener agierte. Diverse Themen wurden abgehandelt, darunter natürlich Fußball (wobei man endlich erfuhr, zu welchen Vereinen die vier halten), das Älterwerden und die ganzen Bekloppten auffe Welt, von Sandro dem Starbucks-Verkäufer (Frage: "Möchten Sie Ihren Kaffee tall, large oder extra large? Antwort: "Wat schmeckt denn am besten?") über Maradona ("War dat nicht diese Sängerin?") bis hin zu Hugh Hefner ("Wenn der nich so viel Kohle hätt', würden die ganzen Bunnys ihm auch nich mehr die Stange halten!").
 

Politisches war demgegenüber überhaupt nicht zu hören. Das soll beileibe keine Kritik sein, denn Herbert Knebels Affentheater macht schließlich kein Kabarett, sondern - wie sie selber am liebsten sagen - "unterhaltende Kleinkunst". Auch auf Kostüms (z.B. einen weiteren Auftritt von Guste) wurde völlig verzichtet, mit einer kleinen Ausnahme zum Schluss (dazu sogleich). Einen "roten Faden" gab es wie immer nicht, das Programm besteht aus lose aneinander gereihten Sketchen und Musikbeiträgen, die nur durch die Protagonisten verknüpft werden. Dennoch gab es keine Brüche, ganz im Gegenteil, die Jungs spielten wie aus einem Guss.

Einen echten Schwachpunkt konnte ich diesmal überhaupt nicht ausmachen. In den Programmen der letzten Jahre waren dies immer die Momente, in denen Hebbert von der Bühne ging und sich eine verdiente Auszeit nahm, weil ohne seine überragende Präsenz einfach etwas fehlte. Aber diesmal überbrückten Ozzy, Ernst und der Trainer diese Phasen mit Musikstücken vom Allerfeinsten, darunter "Daddy Cool" = "Ozzy Cool" von Boney M. Super gemacht.
 

Der Saal in Telgte war natürlich ausverkauft. Man muss sich die Location wie die Aula einer Schule vorstellen, ebenerdig bestuhlt, mit mäßiger Akustik und noch mäßigerer Sicht auf den billigen Plätzen, aber das tat der Stimmung keinen Abbruch. Richtig heiß her ging es gegen Ende, als Hebbert im Elvis-Kostüm zu den Zugaben auf die Bühne kam und "Suspicious Minds" zum Besten gab, ausnahmsweise nicht eingedeutscht. Soweit ich mich erinnern kann, war es seit "Jutendeiten" aus den 90er Jahren erst das zweite Mal, dass das Affentheater einen Song auf Englisch spielte.

Übrigens hatte nicht Hebbert sein Kostüm von Elvis geklaut, sondern umgekehrt - der King hatte es sich in den 50er Jahren während seines Militäraufenthalts in Heidelberg bei Hebbert ausgeliehen, als dieser es auf Montage beim Gerüstbau anne Kaserne trug (sein Blaumann war gerade inne Wäsche). Erst Präzilla hat et dann wieder zurückgeschickt, als der King es nicht mehr brauchte, wegen seinen Tod...
 

Wir verließen das Bürgerhaus in Telgte nach zweieinhalb Stunden (darunter zwanzig Minuten Pause) in begeisterter Stimmung. Zugleich war ich erleichtert und überrascht, denn ich hätte nicht gedacht, dass die Jungs den Abwärtstrend der letzten 10 Jahre noch einmal stoppen könnten. Mit "Der Letzte macht dat Licht aus" ist ihnen dieses Kunststück aber vollauf gelungen. Ich kann einen Besuch des Programms daher nur vollauf empfehlen.
   

 

 
<03.09.11>

Volksverdummung

Das Niveau der Sportberichterstattung in der deutschen Presse hat in dieser Woche einen neuen Tiefpunkt erreicht. Immer wenn ich denke, die Herren von Sport1, kicker oder FOCUS können nicht mehr tiefer sinken, überraschen sie mich aufs Neue. Diesmal haben sie sich für ihre Volksverdummung ausgerechnet unsere Nationalmannschaft ausgesucht.

Noch bevor die Jungs von Jogi Löw sich am vergangenen Freitag so glorreich mit 6:2 gegen Österreich vorzeitig für die EM qualifiziert haben, schien der Presse die Zeit gekommen, über die Gruppenauslosung zu spekulieren, die im Dezember 2011 stattfinden wird. Und was lese ich da? "Deutschland zittert vor EM-Auslosung", meint der FOCUS beobachtet zu haben. "DFB-Team droht schwere Gruppe", fürchtet Sport1.de.

Hintergrund: Es wird in vier Gruppen zu je vier Mannschaften gespielt. Gesetzt sind die Gastgeberländer Ukraine und Polen sowie die beiden Ersten der UEFA-Rangliste. Diese Plätze belegen gegenwärtig Holland (2.) und Spanien (1.). Deutschland ist "nur" Dritter und wird es ohne ein Wunder bis zur Auslosung nicht mehr auf Platz 2 schaffen. Deshalb sind wir "nur" in Topf 2, zusammen mit Italien, England und Kroatien.

Wir "zittern" jetzt also, weil wir den Spaniern oder Holländern bereits in der Vorrunde zugelost werden könnten.

Nachdem ich das gelesen hatte, musste ich mich erst einmal setzen. Ich weiß nicht, was die Verfasser dieser Beiträge geraucht haben, aber gesund für ihre Birne kann es nicht gewesen sein. Volksverdummung allererster Güte! Um es klar zu sagen: Ich hoffe und bete, dass wir in diesem Topf 2 bleiben und nicht als Gruppenkopf gesetzt werden. Und ich hoffe und bete ferner, dass wir in der Vorrunde den Spaniern zugelost werden.

Aber warum dies, wo doch ganz Deutschland vor Holland und Spanien "zittert"? Nun, übernehmen wir mal für einen Moment die "Logik" der o.g. Berichte. Danach "zittern" wir ja vor einer schweren Vorrundengruppe, was impliziert, dass wir uns eine leichte Gruppe wünschen (schon diese Prämisse ist falsch, wie ich gleich zeigen werde, aber für den Moment wollen wir den Verfassern einmal zugestehen, dass man gerne Holland und Spanien aus dem Wege ginge). Dann fallen uns bereits drei logische Widersprüche in diesen Artikeln auf:

ERSTENS: In puncto Holland ändert sich nicht das Geringste, wenn wir doch noch Platz 2 der UEFA-Rangliste erreichen und damit gesetzt würden, denn dann würde Holland zwangsläufig unsere Stelle in Topf 2 einnehmen und könnte unserer Gruppe zugelost werden! Wir können also so oder so auf Holland in der Vorrunde treffen, ganz gleichgültig, wer in welchen Topf kommt! Ich fasse nicht, dass jemand, der einen Artikel für FOCUS oder Sport1.de veröffentlichen darf, nicht intelligent genug ist, um auf diesen simplen Gedanken zu kommen.

ZWEITENS:  Man kann nicht nur auf Holland und Spanien gucken, sondern muss das Gesamtbild im Auge haben. Und das besagt: Sollten wir in Topf 2 verbleiben, könnten wir - anders als als Gruppenkopf - nicht auf Italien, England und Kroatien treffen! Gegen Kroatien haben wir bei der letzten EM 0:2 verloren. Gegen Italien haben wir bei einer EM noch nie gewonnen. Gegen England haben wir ebenfalls das letzte EM-Spiel verloren. Die Gewissheit, diesen Mannschaften nicht zu begegnen, haben wir nur in Topf 2.

DRITTENS: In Topf 2 besteht immerhin eine Chance von 50%, dass wir statt Spanien oder Holland der Ukraine oder Polen zugelost werden. Dann haben wir weder Spanien noch Holland noch Italien noch England noch Kroatien in der Vorrunde, während wir als Gruppenkopf mit Sicherheit eine der vier letztgenannten Mannschaften zugelost bekämen.

Anders gesagt: Als Gruppenkopf bekommen wir mit Sicherheit eine Mannschaft aus folgendem Pool: Holland, Italien, England, Kroatien. In Topf 2 bekämen wir mit Sicherheit eine der folgenden Mannschaften: Spanien, Holland, Ukraine, Polen. In welchen Topf würde man da wohl lieber greifen? Die Antwort ist sonnenklar: Wenn man eine einfache Vorrundengruppe will, wie offenbar die Autoren der oben zitierten Artikel, sollte man geradezu auf einen Verbleib in Topf 2 hoffen. Wäre ihre Prämisse korrekt, hätte die Schlagzeile also lauten müssen: "Deutschland zittert vor Verbesserung im UEFA-Ranking".

Okay, wird der denkende Leser jetzt sagen, nach alledem verbleibt aber doch ein Vorteil, wenn wir gesetzt würden, denn wir würden zu 100% dem ebenfalls gesetzten Spanien aus dem Weg gehen, also der weltbesten Mannschaft, die uns bei den beiden letzten Turnieren jeweils 1:0 besiegt und dadurch aus dem Wettbewerb gekegelt hat. In Topf 2 könnten wir sie hingegen immerhin zu 25% zugelost bekommen. Dieses Risiko auszuschließen ist doch ein großer Vorteil, oder etwa nicht?

Nein, natürlich nicht! Denn sollten wir bereits in der Vorrunde auf Spanien treffen, würden wir ihnen danach nämlich bis zum Finale aus dem Weg gehen, weil man setztechnisch in der K.O.-Runde nicht mehr vor dem Finale auf einen eigenen Gruppengegner treffen kann Kämen wir in eine andere Gruppe, drohte hingegen schon ein Duell im Viertel- oder Halbfinale. Und nur darum dies zu vermeiden geht es doch!

Um es ganz krass zu sagen: Bei einer Turnierauslosung zur EM oder WM interessiert mich die Vorrundengruppe überhaupt nicht! Null Komma null. Das einzig Relevante ist der potenzielle weitere Weg in der K.O.-Runde. Auf diesem sollte uns die beste Mannschaft möglichst nicht begegnen, und das setzt - wenn man sich nicht auf Glück verlassen will - voraus, dass wir sie in der Gruppe haben.

Aber dann kämen wir doch erst gar nicht in die K.O.-Runde, mit diesen übermächtigen Spaniern in unserer Gruppe... zitter, zitter....?? Quatsch mit Sose! Würden wir aus Topf 2 den Spaniern zugelost, komplettierten zwangsläufig Mannschaften aus Topf 3 und 4 die Gruppe, also Fallobst (ich übertreibe etwas, aber es handelt sich bei diesen Teams jedenfalls um sehr schlagbare Mannschaften). Da zwei Mannschaften weiterkommen, wäre Spanien in der Gruppe also gar nicht schlimm, selbst wenn wir gegen sie verlieren sollten, zumal die Mannschaften aus Topf 3 und 4 gegen sie auch keine Chance hätten.

Konkret bedeutet das: In einer Spanien-Gruppe würden wir, selbst wenn man unterstellt, dass wir gegen Spanien verlieren, locker ins Viertelfinale einziehen, wenn es uns nur gelänge, im direkten Vergleich mit zwei Mannschaften aus Topf 3 und 4 zu bestehen. Gelänge uns dies nicht, hätten wir in der K.O.-Runde sowieso nichts verloren.

Und schließlich und vor allem: Deutschland "zittert" vor überhaupt niemandem! Wenn, dann zittern die anderen vor uns. Es gibt auf der Welt wohl nur eine Mannschaft, die besser ist als unsere, und das ist besagtes Spanien (wobei man zweifeln darf, ob die Spanier wirklich immer noch besser sind oder wir mittlerweile nicht schon auf Augenhöhe spielen). Aber auch vor denen "zittern" wir nicht, denn erstens hätten wir gegen die Iberer auch gute Chancen, und zweitens wäre es - wie oben dargelegt - geradezu ideal, schon in der Vorrunde auf sie zu treffen. Drei weitere Teams haben unser Niveau, darunter zwei aus Europa  (Holland, Italien). Bleiben wir in Topf 2, treffen wir zu 0% auf Italien und lediglich zu 25% auf Holland, wobei die Alternativen Polen und Ukraine lauten. Würden wir hingegen gesetzt, träfen wir zu 50% auf Holland oder Italien, wobei die Alternativen England und Kroatien wären.

Ich fasse die Fakten zusammen:

1. Eine Vorrundengruppe mit den Spaniern wäre höchst vorteilhaft, weil man ihnen dann bis zum Finale aus dem Weg ginge. Das Weiterkommen in einer solchen Gruppe wäre zudem keinesfalls schwerer als in jeder anderen.

2. Das Verbleiben in Topf 2 ist mit Blick auf die übrigen Gegner sogar viel besser, als als Gruppenkopf gesetzt zu werden.

3. Unsere Mannschaft ist gut genug, um vor niemandem "zittern" zu müssen.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass im Gegenwartsjournalismus - und ich spreche keinesfalls nur vom Boulevard, denn zu dem zählt sich z.B. der FOCUS ja wohl nicht - nur noch die knallige Schlagzeile zählt, die möglichst auf PANIK getrimmt sein muss. Um Inhalte kümmert sich keiner mehr. Damit wird die Tendenz in diesem unserem Lande geschürt, über Alles und Jedes Panik zu machen, eine Eigenschaft, die mich seit Jahren ärgert. EHEC hat uns nicht dahingerafft, die Vogelgrippe auch nicht, der Fluglotsenstreik nicht (auch vor dem wurde beim FOCUS übrigens "gezittert"), die Eurokrise (noch) nicht, dann wird es vielleicht der Herzinfarkt vom Zittern vor den deutschen EM-Vorrundengegnern  schaffen.

Bei mir allerdings nicht.